Presse

Persson Perry Baumgartinger: „Trans Studies: Historische, begriffliche und aktivistische Aspekte“
von Helga Hofbauer
stimme. Zeitschrift der Initiative Minderheiten, Frühjahr 2017 (Nr. 102)

Trans*-Sein ist Aktivismus

 

Seit Jahrzehnten arbeitet Persson Perry Baumgartinger zu den Themen Trans-Forschung und -Aktivismen. Was sind Trans Studies? Wie entstehen sie in den USA und im deutschsprachigen europäischen Raum? Welche Begriffe, welche Themenfelder und welche Verortungen in der Akademia sind möglich als Beitrag zu ihrem revolutionären Potenzial?

Schon 2011 hat Persson Perry Baumgartinger in dem Projekt „Where Have All The Trannies Gone …“ Interviews mit Wiener Trans*Aktivist_innen „der ersten Stunde“ veröffentlicht. Darin stellt sich etwa Mark Willuhn die Frage, ob in gegengeschlechtlicher Kleidung dem Beruf des Taxifahrens nachzugehen Anfang der 1990er Jahre schon als Aktivismus bezeichnet werden kann und antwortet: „wahrscheinlich zu der Zeit schon.“ TransAktivismus und TransSelbstorganisation sind die Grundlagen der Trans Studies. Susan Stryker, eine der Pionier_innen der Trans Studies schreibt in ihrem Vorwort, dass Trans*Personen die Bedingungen der Wissensproduktion verändern, um ihre Lebensbedingungen zu verändern, denn was wir zu wissen anstreben ist kein neutrales Unterfangen.

Die Forschung zur Genealogie der Trans Studies erfordert einen Kraftaufwand, der von Persson Perry Baumgartinger in dem „vorab“, eine Art „Tagebucheintrag“ – jedem Kapitel ist einer vorangestellt – benannt wird. „Anstrengend“ ist es, das ganze pathologisierende Wissen nicht zu reproduzieren, aber dennoch „neutral“ darüber zu schreiben. Unterdrückungsregime drücken sich auch über die Verwendung von Begriffen aus. So z.B. seitens der österreichischen Verwaltungsbehörden, die bis in die 2010er Jahre den Begriff transsexuell verwenden, obwohl sie spätestens ab den l99Oern mit den Trans*Aktivist_innen in Kontakt sind und diese den Begriff als pathologisierend ablehnen. Dem lebhaften Chaos, den Widersprüchen und Reibungen, die Begriffen innewohnen, wird mehr als ein Kapitel gewidmet. Besonders ab Mitte der 2000er Jahre entwickeln Trans_ selbstbestimmte Begriffe und eine Sprache außerhalb der Zweigeschlechternorm. Angestrebt wird nicht ein Sprachkodex, wie „richtig“ kommuniziert werden soll, sondern Ansätze aus trans*inter*queeren, antirassistischen, anti-antisemitischen und enthinderten Zugängen beschreiben eine Vielfalt von Sprachalternativen. Daran angelehnt verwende auch ich unterschiedliche Schreibweisen wie Trans_, Trans* oder Trans in dieser Rezension.

Viele herausragende Ereignisse auf dem Weg zu den Trans Studies werden in dem Buch benannt. Etwa Susan Strykers Text „My Words to Victor Frankenstein above the Village of Chamonix: Performing Transgender Rage“ von 1994, der Trans ein Werkzeug für politische, wissenschaftliche und individuelle Kämpfe in die Hand gibt. Die erste große europäische Tagung zu Trans* in Zagreb 2005 oder die Interventionen von Trans beim transfeindlichen Kongress im Wiener AKH 1999 zeigen, wie Trans Studies in der Bestimmung über den eigenen Körper, die eigene Psyche und die eigenen Rechte mitbestimmen. In diesem Buch mit dem grünlich-blauen Umschlag breitet Persson Perry Baumgartinger eine große Menge an Wissen und Forschungsstand vor uns aus. Was für ein Angebot!

Helga Hofbauer

 

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